Prof. Udolph auf MDR 1 Radio Thüringen

Nach kurzem Plaudern übers Wetter gehts auf MDR 1 zur Sache, zur namenkundlichen Sache. Namenforscher Jürgen Udolph war heute zu Gast in Erfurt und beantwortete Hörerfragen. In der Mediathek können Sie sich den Beitrag anhören. Am 17.11. geht es um Ortsnamen, Fluss- und Flurnamen in Thüringen.

Rosa oder Blau? Geschlechtsneutrale Vornamen oder merkwürdige Erziehungsmethoden?

Während des Sommers wurde heiß diskutiert, ob geschlechtsneutrale Erziehungsmethoden, inklusive unspezifischem Vornamen, nun elterliche Verantwortungslosigkeit darstellen oder aber eine revolutionäre Idee sind, seine Kinder frei von Geschlechterrollen und deren Zwängen aufwachsen zu lassen.

* * *

Angefangen hat die Debatte mit einer kanadischen Familie, deren drittes Kind offiziell weder Junge noch Mädchen ist, einen geschlechtsneutralen Vornamen trägt und höchstwahrscheinlich wie seine beiden älteren Brüder, alle Neigungen ausleben dürfen wird, egal, ob es dafür gehänselt wird oder nicht.

Tragen Jungs rosa Kleidchen? “Normalerweise” nicht. Aber Kathy Wittericks (38) und David Stockers (39) Söhne Jazz (5) und Kio (2) tun das. Die Eltern wollen ihre Kinder ohne rollenspezifische Grenzen und Belastungen großwerden lassen. Aber ist nicht genau das eine Belastung, wenn die Söhne irgendwann mitbekommen, dass sie die einzigen Jungen sind, die rosa Röcke tragen!? Wie steht es mit der elterlichen Verantwortung die Kinder vor fiesen Hänseleien und Mobbing zu schützen?

Was den drei Kindern dieser kanadischen Familie wohl am wenigsten Kummer machen wird, sind ihre Vornamen. Denn Jazz, Kio und Storm werden mit ihren Namen im exotischen Vornamendschungel Nordamerikas nicht sonderlich auffallen.

Hierzulande macht sich der Großteil der werdenden Eltern zum Glück viele Gedanken um den Namen des Nachwuchses – schließlich muss der ihn dann sein/ihr ganzes Leben tragen!

LINKS zum Thema:

- geschlechtsneutrale Vornamen als Zweitnamen erlaubt (beliebte-vornamen.de)
- Baby geschlechtsneutral erziehen (liliput-lounge.de)
- Toronto’s genderless Baby (peoplethology.blogspot.com) (c)Foto
- Parents keep child’s gender secret (parentscentral.ca)
- Raising my Rainbow Blog

Tipps zur Vornamenwahl anno dazumal

Wenn sich werdende Eltern einen Vornamen für ihr Kind aussuchen müssen, haben sie es nicht sonderlich leicht. Dass es sicherlich oft mehrere Motive sind, die schließlich zur Wahl eines bestimmten Namens führen, wird kaum überraschen. Wenn wir uns die immense Anzahl der heutigen Vornamen anschauen und die Möglichkeiten, die uns das moderne Medienzeitalter geben, nach immer neuen Inspirationen zu suchen, dann sind vielleicht einige Tipps bei der Qual der Wahl des Rufnamens interessant. Auch vor über hundert Jahren kannte man das Problem und in dem Buch ‘Die deutschen Vornamen’ von Dr. Robert Franz Arnold aus dem Jahre 1901* stoßen wir auf 10 Hinweise (“Hilfen”, S. 36-62) zur Vornamenwahl, der Übersichtlichkeit hier als Liste:

1. Nachbenennung – Rückgriff auf Vornamen, die in der Familie üblich sind
2. Heilswunsch/ gutes Omen – Ausdruck eines Wunsches für das Kind
3. Heiligennamen – das Kind dem Schutz eines Heiligen oder Paten anvertrauen
4. Vorbildnamen 1 – aus Herrscherhäusern (nun, das Werk erschien 1901!)
5. Vorbildnamen 2 – nach Politikern usw.
6. Namen aus Literatur – nicht nur Namens aus Büchern, sondern auch Nachbenennung nach Autoren
7. klangvolle Namen – mit vollen Vokalen wie a, o, u und wenigen weichen Konsonanten sowie mehrsilbige Namen
8. Entlehnung aus anderen Sprachen
9. ungewöhnliche Namen – originelle Namen
10. unauffällige Namen – traditionelle, nicht modische Namen

Arnold reiht hier “Hilfen” auf, die man auch gut unter einem Punkt zusammenfassen kann, wie die Nachbenennung nach Personen in 1, 3-6. Ob man jetzt von Hilfe oder eher Namengebungsmotivationen spricht, sei dahingestellt.

Seit mehr als 200 Jahren steht der Grundsatz “Der Name soll schön, klangvoll sein” an oberster Stelle, und es ist nicht zu erwarten, dass er in absehbarer Zeit zugunsten irgendeines anderen Prinzips aufgegeben wird. [Er geht aber auch mit einem anderen Grundsatz einher]: “Der Name soll nicht (zu) oft vorkommen”.**

Was werdenden Eltern noch auf der Seele brennt, sind Fragen solcher Art:

1. Passt der Vorname zum Nachnamen?
2. Wird das Kind und seine Umgebung den Namen leicht und richtig aussprechen und schreiben können?
3. Wird der Name auch zu dem Menschen passen, der einmal aus diesem süßen kleinen Würmchen wird? Denn ein Mensch wird auch mal erwachsen!
4. Klingt der Name weiblich bzw. männlich oder besteht Verwechslungsgefahr?
5. Können abwertende, obszöne Kurzformen aus dem Wunschnamen kreiert werden, die meinem Kind schaden?

 

Update:
Interessanter Link in der aktuellen Presse
- Spiegel Online

_______________________

* Arnold, Dr. Robert Franz: Die Deutschen Vornamen, Wien, Adolf Holzhausen, 2. Auflage 1901, S. 36-62.
** Seibicke, Wilfried: Die Personennamen im Deutschen, Berlin, deGruyter, 2. Auflage, 2008, S. 114.

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